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05.12.2014

ECE-Projekt an der Ludwigsstraße infrage gestellt

erforderliche Grundstücke stehen nicht zur Verfügung

Bereits vor Jahren wurde das Mall-Konzept von ECE von unabhängigen Fachleuten als „Auslaufmodell einer Einzelhandelsform“ charakterisiert. Die BI hat auf die stichhaltigen Begründungen dieser Einschätzung immer wieder hingewiesen. Nun kann auch ECE nicht mehr umhin, das Scheitern des Konzepts einzugestehen, wie dem aktuellen Bericht der Immobilienzeitung zu entnehmen ist. Gleichzeitig wird zugegeben, dass es ECE in drei Jahren nicht gelungen ist, die weiteren für den Bau erforderlichen Grundstücke zu erwerben. Damit gibt es für die Entwicklung an der Ludwigsstraße einen Einschnitt. Die bisherigen Planungen und politischen Begründungen müssen auf den Prüfstand. Es eröffnet sich damit die Chance, noch rechtzeitig umzusteuern und den ursprünglichen Vorgaben des Stadtrats, den Leitlinien vom Oktober 2012, angemessenes Gewicht zu verschaffen.

1. Eingangsbemerkungen zur Situation:

Stadtratsbeschluss vom Dezember:Bestandteil des Stadtratsbeschlusses war das "städtebauliche Konzept" von ECE als Anlage zu der Absichtserklärung, den 'Eckpunkten' und der 'Fortschreibung der Leitlinien'. Das "s.K." (konkrete Planungszeichnungen mit den wichtigsten Angaben) ging davon aus, dass die Grundstücke Pavillon am Gutenbergplatz und Haus des Ordinariats uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Dies war und ist nicht der Fall, der OB spricht offen vom Scheitern des Grundstückserwerbs. Damit ist der zentrale Teil des Beschlusses obsolet geworden. Der neue Rat muss sich mit den Planungen befassen und dem Prozess mit neuen Beschlüssen eine zukunftssichere Richtung geben.

Integriertes Entwicklungskonzept Innenstadt (IEK):Nachdem sogar ECE die Wirtschaftlichkeit und die Zukunftsfähigkeit ihres klassischen Mall- Konzepts infrage stellt, sollten unabhängige Fachleute mit der städtebaulichen/stadtplanerischen Aufgabe betraut werden. Das würde auch den Zielen des Landes entsprechen; die Fördermittel für die Erstellung des IEK waren wegen des Planungsbedarfs am Standort Karstadt überhaupt erst bewilligt worden. Scheuvens und Wachten sollten daher wie vorgesehen federführend werden.

Konzept infrage gestellt: Wieso sollte eine Shopping-Mall in Mainz den von ECE und der Stadtspitze prognostizierten Erfolg bringen, wenn in der deutlich größeren Stadt Aachen mit ihrem großen Einzugsbereich ohne vergleichbare Zentren und konkurrierenden Einzelhandel im Umland kaum noch Mieter für die dortige neue ECE-Mall zu bekommen sind?

Nach einem knappen Jahr ist das ECE-Center ‚Skyline Plaza‘ in Frankfurt (37.000 qm VKF) in massiven Schwierigkeiten, während der Einzelhandel auf der Zeil funktioniert. Es gibt ein riesiges Überangebot an Einzelhandelsflächen im Rhein-Main-Gebiet (400.000 qm lt. Regionalverband). Die monotone Mall findet immer weniger Akzeptanz, Umsätze wandern rasant ins Internet ab. Andere Malls von ECE, etwa Oldenburg oder Ludwigshafen, bleiben immer weiter hinter den von ECE angekündigten Umsätzen und Besucherzahlen zurück. Viele geplante Malls werden nicht mehr gebaut. Mieter klagen oder ziehen aus.

2. Wo steht die BI heute?

Die BI bleibt ihren Zielen treu. Wir sehen in der jetzigen Situation eine Chance zum Umsteuern. Wir haben nie die Hoffnung aufgegeben, dass die Ziele der im Oktober 2012 vom Stadtrat beschlossenen Leitlinien doch die verbindliche Orientierung für die städtebauliche Neuordnung am Standort Karstadt bleiben könnten. Auch weiterhin werden wir uns mit konstruktiven Ideen und Anregungen in den Prozess einbringen und auf der Umsetzung der zentralen Ziele der Leitlinien beharren. Wir vertrauen darauf, dass es mit dem neuen Stadtrat gelingen könnte, doch wieder die Stadtspitze und ECE mit ins Boot zu holen und sie dazu zu bewegen, sich für eine in der Bürgerschaft wie bei den Fachleuten konsensfähige Lösung einzusetzen.

ECE hat ‚im ersten Anlauf‘ die große Chance verpasst, in Mainz zu zeigen, dass sie auch anders bauen können. Sie hatten zunächst erfolgreich darauf gesetzt, die Lösung mit der attraktivsten Rendite politisch durchsetzen zu können. Nun kommen sie nicht umhin, das grundsätzliche Scheitern ihres Konzeptes eingestehen zu müssen. Wäre man dem städtebaulichen Leitbild der Leitlinien gefolgt, hätte ECE in Mainz über ein zeitgemäßes Referenzprojekt verfügt, mit dem sie weiteren interessierten Kommunen gezeigt hätten, dass eine Kooperation mit ECE durchaus noch zukunftsfähig sein kann. Eine Umkehr ist noch möglich.

Die bestehenden Flächen von Karstadt mit Parkhaus u. ggf. Deutscher Bank bieten – mit oder ohne Kaufhaus – eine ganze Reihe von interessanten Entwicklungsmöglichkeiten, die sich städtebaulich offen, kleinteilig und harmonisch mit der südlichen Altstadt verbinden lassen. Da aufgrund der Besitzverhältnisse die angrenzenden Pavillons an der Ludwigsstraße bestehen bleiben werden, stellt sich sogar die Frage, ob eine Modernisierung und ein Teilabriss mit Umbau oder Ergänzung der bestehenden Gebäude eine Option wäre. Dabei könnte die geschlossene große Baumasse aus Karstadt, Parkhaus und Deutscher Bank in mehrere Baukörper mit öffentlichen Durchwegungen ‚aufgebrochen‘ und in die Umgebung integriert werden – ganz so, wie es die ursprünglichen Leitlinien vorgeschlagen haben. Das wäre die Herausforderung für Stadtplaner und Architekten.

ECE baut in Hamburg Wohnungen, andernorts Hotels oder Bürohäuser, auch Mischquartiere. Es sollte demnach möglich sein, den Vorgaben der Leitlinien gerecht zu werden. Eine Frage des guten Willens. Ein Umsteuern bei ECE könnte vielleicht auch die Stadtspitze davon überzeugen, dass die monolithische Mall nicht die Zukunft für unsere Stadt bedeuten kann. Zumal das Risiko besteht, mit dem Bau der Mall eine angehende Einzelhandelsruine zu schaffen - in einer anderen Größenordnung als das heutige Karstadt.

Uns erscheint es sinnvoll, die weiteren Verhandlungen mit ECE zunächst auszusetzen. Nachdem ‚auf halbem Wege‘ die Verhandlungspartnerin Dr. Harms von ECE zurückgezogen worden war, musste nun zum 1. Juli auch der zweite Ansprechpartner, Gert Wilhelmus, sogar den Konzern verlassen. Damit ist eine Neuorientierung in den Kontakten mit ECE unumgänglich.

Der neue Stadtrat sollte die Zeit bekommen, sich in alles einzuarbeiten. Ein öffentliches Forum mit dem Ziel, die Scherben zusammenzukehren und nach neuen Wegen zu suchen, könnte im Herbst die Fortsetzung der einmal als erfolgreiche Bürgerbeteiligung begonnenen LuForen sein. Das Ziel: ein erneuter Konsens zwischen Politik und Bürgerschaft, diesmal mit verbindlichen Beschlüssen und Rahmenvorgaben für die weiteren Planungen.